Leipziger Allerlei
Nicht jeder Restaurantbesucher beschwert sich über das „berühmte“ Haar in der Suppe – und doch: es verdirbt den Appetit und hinterlässt einen ratlosen Küchenchef.
Der denkt: „Macht ja nichts – gegessen wird immer“.
Blöd nur, wenn aus einem Haar ein ganzes Toupet wird:
Wir schreiben das Jahr 2005 (schließlich braucht ein Toupet eine gewisse Zeit):
Leipzig gleicht einer Großbaustelle.
Autos, die im Stau stecken; Fussgänger, die die Outdoor-Eigenschaften ihrer Schuhe unter Beweis zu stellen scheinen; Fahrradfahrer, die Ihr Cross-Training auf dem Weg ins Büro absolvieren.
Gerade erst am Bahnhof angekommen, sah ich nur einen Weg, schnell nach Hause zu kommen. Entweder in die Luft gehen oder die Straßenbahn nehmen.
Aus gesundheitlichen Gründen zog ich die Bahn vor.
Ich wollte vor dem Leipziger Hauptbahnhof ein Straßenbahn-Ticket am Automaten lösen. Man glaubt es kaum - von nur zwei(!) Fahrscheinautomaten war immerhin einer betriebsbereit.
„Aha“ – so schoß es mir in dem Kopf. Bestimmt ein Feldversuch meiner lieben Kollegen. – Alles Absicht.
Mögliche Fragestellung: Welches Ausmaß erreicht die Frustrationstoleranz des gemeinen Leipzigers?
Nachdem mir jedoch klar wurde, dass es sich bei der riesigen Anzahl umherstehender Menschen weder um Versuchsleiter noch um Probanden handeln konnte, wusste ich: alles Leidensgenossen.
Ich zog – um die Wartezeit mit etwas Hirnjogging zu überbrücken – Bilanz:
Kein Automat also für einen einzelnen Kunden.
Ein(!) Automat für x Kunden (mit x = [Summe aller potentiellen Leipziger Straßenbahnfahrer] - [Summe aller nicht-jetzt-vor-dem-Leipziger-Hauptbahnhof-stehen-und-fahren-wollender-potentiellen-Leipziger- Straßenbahnfahrer]).
Zwei Automaten also für wie viel potentielle Leipziger Straßenbahnfahrer?
Ich hab’s nicht herausbekommen. Obwohl ich genügend Zeit hatte.
„Einer für alle – alle auf einen.“ Das war das Motto. Entsprechend war der Sturm und Drang auf den armen Automaten. Ich befürchtete schon, ihn könnte das gleiche Schicksal treffen, welches offenbar seinen Kollegen bereits dahin gerafft hatte.
Als ich schließlich an der Reihe war, war’s – na klar: zu spät. Meine Bahn fuhr gerade ab. Immerhin: einige Glückliche haben’s geschafft.
Jetzt hatte ich zwar das Ticket – aber keine Bahn.
Wiederum aus gesundheitlichen Gründen wartete ich nicht auf die nächste Bahn. Stattdessen verordnete ich mir als psycho-hyhgienische Maßnahme einen kleinen Stadtmarathon, vom Bahnhof bis nach Hause.
Das Ticket hob ich auf. Für später.
Als ich es kürzlich wieder auskramte, um schnell mal ins Stadtzentrum zu fahren, da war sie wieder: die Überraschung!
Das Ticket war nur noch durch den Firmenaufdruck der Verkehrsbetriebe und die Ausmaße als Fahrschein erkennbar. Der Rest (z.B. Ticketwert) war weg – ausgeblichen, verblichen.
Auch ich wurde bleich. Und: ging in die Luft!

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